Kagyüpa

Grafik: Symbol für Buddhismus: Rad mit acht SpeichenDie Kagyüpa führt sich auf den indischen Siddha-Meister Naropa zurück, dessen Schüler Marpa (1012-1097) wesentlich an der Verbreitung des Buddhismus in Tibet beteiligt war. Die eigentliche Systematisierung der Lehre erfolgte aber erst durch Gampopa (1079-1153). Die Schüler Gampopas wiederum gründeten die meist heute noch existenten Schulen der Kagyüpa.

Lehre

Wie bei den Nyingmapa auch bürgt die Weitergabe der Lehre von einem Meister auf die Schüler für die authentische Aufrechterhaltung des Wissens um den rechten Weg zur Erleuchtung. Marpa hatte neue tantrische Lehren Meditationstechniken nach Indien gebracht, unter anderem das für die Kagyü-Schule bedeutende "Große Symbol" (Mahamudra; auch übersetzt als "Großes Siegel). Demnach ist die letzliche, zu erkennende Realität mit Weisheit, Erleuchtung, Seligkeit und Leere identisch und wird als zeitloser Grund bzw. Wesen angesehen, dessen Ausdruck die wahrnehmbaren Dinge sind - die als Illusion zu erkennen sind. Dem Ziel dieser Erkenntnis dienen tantrische und magische Übungen, auch die Meditation mit Hilfe von Mantren. Damit steht die Mahamudra-Lehre dem Dzogchen der Nyingmapa nahe.

Tibetisches Totenbuch

Das im 14. Jahrhundert "entdeckte" so genannte Tibetische Totenbuch ist zentraler Text der Terma-Literatur, d.h. von Texten, die von ihren Autoren vergraben wurden, um sie erst zu einem späteren Zeitpunkt durch Wiederentdeckung zugänglich zu machen - dann, wenn die Zeit für die Aufnahme der in den Texen enthaltenen Lehren reif ist. Der Name der Schrift ist eigentlich "Bardo Thödol", was bedeutet: "Befreiung durch Hören im Zwischenzustand". Die Bezeichnung "Tibetisches Totenbuch" stammt von Walter Yeeling Evans-Wentz, der 1927 eine eine englische Übersetzung herausgab.
Das Bardo Thödol beschreibt die verschiedenen Stufen, die die Seele eines Verstorbenen bis zu ihrem endgültigen Tod durchläuft. Der Mensch zerfällt in seine Daseinsfaktoren, und es ist ihm möglich, die wahre Natur seines Selbst wahrzunehmen und so zur Erleuchtung zu kommen. Dabei durchläuft der Verstorbene verschiedene Zustände, die durch Visionen und die Konfrontation mit seinem früheren Leben gekennzeichnet sind. Weil dieser "Zwischenzustand" die Möglichkeit der Erleuchtung gibt, ist die geistige Haltung, die ein Sterbender bei seinem Tod hat, besonders bedeutsam.
Mönchen ist es möglich, diese Zeit zu beeinflussen. Sie haben Verbindung mit dem Toten und können die Wahrnehmungen in den verschiedenen Zuständen interpretieren, um dem Verstorbenen so Anweisungen für sein Verhalten zu geben und ihm das Erreichen der Erleuchtung zu erleichtern.
Neben dieser "eigentlichen" Funktion des Bardo Thödol sehen viele Anhänger des tibetischen Buddhismus den Text auch als Anleitung für das irdische Leben. Das basiert darauf, dass die sich ständig verändernden Zustände im Leben selbst als Folge von Sterben und Wiedergeburt gesehen werden. Das Bardo Thödol spielt nicht nur für die Kagyüpa, sondern auch für andere Schulen des tibetischen Buddhismus eine wichtige Rolle - vor allem für die Nyingmapa und Shakyapa.
 
Die verschiedenen Linien bzw. Schulen der Kagyüpa sind durch die Nachfolge der Lamas, die die Schulen begründet haben, bestimmt, zumal die mündliche Weitergabe Kern der Kagyüpa wie anderer Schulen des tibetischen Buddhismus darstellt. In Bezug auf die Lehren bestehen Unterschiede meist in der Betonung einzelner Aspekte und Auslegungen der Überlieferung. Lamas einzelner Linien finden auch Anerkennung unter Anhängern anderer Richtungen.

Karma-Kagyüpa und Karmapa

Die Karma-Kagyüpa ist die bedeutendste Schule der Kagyüpa. Sie wurde im 12. Jahrhundert begründet und hat unter den Kagyüpa-Schulen im Westen die meisten Anhänger. Ursprünglich wurden sie auch "Schwarzmützen" genannt, nach den schwarzen Hüten ihrer Lamas (Lehrer). Das geistliche Oberhaupt der Karma-Kagyüpa ist der Karmapa ("Ausführer der erleuchteten Aktivität"); er gilt nach dem Dalai Lama der Gelugpa als der zweithöchste religiöse Führer Tibets. Der Karmapa wird als Verkörperung des Mitgefühls angesehen, worin sich die Bodhisattva-Lehre des Mahayana spiegelt. Sein Auftreten soll bereits vom Buddha und von Padmasambhava, dem maßgeblichen Begründer des tibetischen Buddhismus, prophezeit worden sein. Als erster Karmapa gilt der Begründer der Schule, Dusum Khyenpa. Alle nachfolgenden Führer gelten als seine Wiederverkörperung. Der zweite Karmapa wurde als Tulku erklärt, das heißt als Wesen, das seine Wiederverkörperung selbst bestimmen kann - erstmals im tibetischen Buddhismus überhaupt. Zum Auffinden der Wiederverköprerung hinterlassen die Karmapa der Karma-Kagyü-Schule einen Brief, dem Findungsgremium Hinweise geben soll.
Zur Spaltung der Karma-Kagyüpa kam es bei der Wiederverkörperung des 17. Karmapa, denn zwei Personen wurden ausgemacht; die 1992 erfolgte Inthronisation des Karmapa hat die Anhänger nicht zur Ruhe kommen lassen. Dem Thema widmet sich unter anderem der Film "Living Buddha" von Clemens Kuby aus dem Jahr 1994.

Drikung-Kagyüpa

Diese Linie der Kagyüpa geht auf Phagmodrupa, einen Schüler Gampopas, zurück. Der Nachfolger Phagmodrupas, Jingten Gönpo (1143-1217) begründete die Drikung-Kagyüpa. Eine der Besonderheiten dieser Schule ist, dass sie von zwei spirituellen Führern geleitet wird. Auch sie gelten als Tulkus, das heißt als willentlich wiederverkörperte Lamas. Sie haben den im tibetischen Buddhisus gebräuchlichen Ehrentitel Rinpoche ("Kostbarer").

Drukpa-Kagyüpa

Yeshe Dorje (1161-1211) gilt als Begründer der Drukpa-Kagyüpa. Im Sterben prophezeite er die Verbreitung im Gebiet des heutigen Bhutan durch einen Mann aus Osttibet. Drukgom Shigpo nahm diese Prophezeiung an. Seine Söhne heirateten in angesehene Adelsfamilien, was der Verbreitung dieser Schule förderlich war - der Buddhismus selbst war bereits seit dem 7. Jahrhundert bekannt. Im 17. Jahrhundert dann erfolgte die Gründung eines einheitlichen Königreiches Bhutan durch den Tibeter Ngawang Namgyel, der bereits in der Grukpa-Tradition erzogen wurde, wegen seines Anspruchs als Wiederverkörperung eines hohen Drukpa-Gurus jedoch fliehen musste. In Bhutan wurde die Drukpa-Kagyüpa Staatsdoktrin.

Shangpa-Kagyüpa

Die kleinste der Kagyü-Hauptschulen geht auf dem im 14. Jahrhundert lebenden Lama Kyungpo Naljor zurück. Diese Schule lehrt eine besondere Interpretation der Mahamudra, die "Fünf Goldenen Lehren von Niguma", die von Niguma, eine Schwester Narupas, stammen sollen.

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Letzte Aktualisierung: 28.03.2004