Progressives Judentum
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Zum heutigen progressiven Judentum zählen liberale und reformorientierte Ausprägungen, die sich als Alternative zum orthodoxen Judentum verstehen. Progressive Juden betrachten die Offenbarung als ein fortschreitender, von Gott ausgehender und durch Menschen vermittelter dynamischer und progressiver Prozess. Gebote und Verbote werden nicht wie in der Orthodoxie als Gottes wörtliches Gesetz verstanden, sondern als Schöpfung von Menschen, die auch von Menschen neu ausgelegt und umgesetzt werden können. 

Das Jahr 1801 gilt für progressive oder liberale Juden weltweit als Beginn ihrer Bewegung. Damals gründete der Reformer Israel Jacobson (1769-1828) in Seesen/Deutschland das "Schulinstitut für arme Judenkinder", in dem die Grundsätze des Reformjudentums eingeführt wurden. In den folgenden Jahrzehnten konstituierte sich die liberale Erneuerungsbewegung stetig und wird zur am schnellsten wachsenden Bewegung innerhalb des deutschen Judentums. Einer der wichtigsten Vordenker des liberalen Judentums wurde der deutsche Rabbiner Abraham Geiger (1810-1874). Unter dem Rabbiner Leo Baeck setzte sich - vor allem in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts - das Wachstum des liberalen Judentums fort. 

1926 wurde während der ersten Weltkonferenz für liberales Judentum die heute weltweit größte Dachorganisation, die "Weltunion für progressives Judentum", gegründet. Sitz der Weltunion ist seit den siebziger Jahren Jerusalem. Wurde der Zionismus noch zu Beginn des Reformjudentums mehrheitlich abgelehnt, so ist er spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts fest im progressiven Judentum verankert. 

Im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte haben sich die Gedanken und Vorstellungen im liberalen Judentum stark gewandelt. Dem Zeitgeist entsprechend galt im 19. Jahrhundert alles traditionelle oder altmodische als überholt und wurde verworfen. Mit der Einwanderung osteuropäischer Juden, aber auch mit der Gründung des Staates Israels und nicht zuletzt durch die einschnürenden Erlebnisse der Schoa leben viele liberale Juden ihre Traditionen wieder neu auf. 
Anders als im orthodoxen Judentum haben hier die ethisch-moralischen Regeln der Thora Vorrang vor der rituellen Praxis. Rituelle Regeln wurden von Menschen in bestimmten historischen Situationen aufgestellt und sind deshalb nicht göttlichen Ursprungs. Dennoch wird im heutigen liberalen Judentum Wert auf die Durchführung von Ritualen im Alltag gelegt, ihre Ausübung dient aber eher der Identitätsbildung als Jude oder als Jüdin. 

In der religiösen Praxis kennzeichnend für das liberale Judentum ist die Gleichstellung von Mann und Frau. In der Synagoge sitzen die Geschlechter gemischt und Frauen werden zur Rabbinerin ordiniert. Bereits 1936 trat in Deutschland mit Regina Jonas die erste Frau das Amt der Rabbinerin an. Der Gottesdienst findet sowohl in Hebräisch als auch in der jeweiligen Landessprache statt. 
Im liberalen Judentum finden Themen Einklang, die anderswo tabu sind: zum Beispiel Homosexualität oder gemischtreligiöse Ehen. Zwar sind Mischehen verboten, aber ein Rabbiner darf eine Ehe segnen, wenn der nichtjüdische Partner dem Judentum beitritt, um den Kindern eine klare Identität zu geben. 
 

Erstellt: 24.10.03
 

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